Vom Hannoverschen Männer-Gesang-Verein zum Hannover-Chor


1851 gründeten 17 Kaufleute der Stadt Hannover den Verein „Frohsinn“ zwecks „Übung im Quartettgesange“. 1857 erfolgte die Umbenennung in „Hannoverscher Männer-Gesang-Verein“ (HMGV). Er entwickelte sich unter der bereits 1854 von Wilhelm Bünte übernommenen Chorleitung im Laufe der nächsten Jahrzehnte zu einem der bedeutendsten und erfolgreichsten deutschen Männerchöre. Es wurden zahlreiche Konzertreisen im Inland und dem benachbarten Ausland unternommen und in einer Reihe von Wettbewerben eine große Zahl an Preisen gewonnen. Ab 1890 konzertierte der Chor mehrfach auf Einladung von Wilhelm II. mit großem Erfolg am Hofe in Berlin und Potsdam.

Neben der “Pflege des Volksliedes” widmete sich der Chor auch “größeren Tonwerken” (Oratorien) und führte in den nächsten Jahrzehnten Kompositionen zahlreicher zeitgenössischer Komponisten auf, so von Max Bruch “Frithjof”, 1866 im Hoftheater von ihm selbst dirigiert, von Richard Wagner “Das Liebesmahl der Apostel”, 1891 in der Berliner Philharmonie, 1923 von Bruckner “Ecce Sacerdos”, von Mahler die “2. Sinfonie” und von Liszt die “Faust-Sinfonie”.

1892 wurde das in der Langen Laube von dem Maler Carl Osterley erworbene Vereinsheim „Haus der Väter“ bezogen. Dieses ehemalige Renaissance-Bürgerhaus wurde für die Vereinszwecke umgebaut. 1943 ist es bei einem Luftangriff zerstört worden. Einige Bauteile der Fassade wurden 1957 beim Bau des 'Hauses Nikolai' (Leinstr. 33) wiederverwendet.

Am 28. Juli 1894 wurden durch kaiserliche Kabinettsorder dem Verein die Rechte einer juristischen Person verliehen, so dass er seitdem (und bis heute) die Bezeichnung “Rechtsfähiger Verein kraft Verleihung” verwenden durfte.

Als der Chor 1899 bei der Teilnahme am nationalen Wettstreit um den Kaiserpreis in Kassel “nur” den 6. Preis erzielte, wurde das als Krisenzeichen gewertet und es kam zu einem Wechsel der Chorleitung (von Bruno Hilpert zu Johann Zerlett).

1904 löste sich die “Neue Liedertafel Orpheus” auf und deren Mitglieder schlossen sich dem HMGV an.

1913 beteiligte sich der Chor an der Einweihung des Neuen Rathauses mit Beethovens “Die Ehre Gottes” und 1914 an der Einweihung der Stadthalle mit Haydns “Jahreszeiten” unter Joseph Frischen. Die Jubiläen 1901 (50 Jahre) und 1926 (75 Jahre) wurden besonders festlich begangen und es wurde jeweils eine Festschrift veröffentlicht (nähere Angaben bei den Literaturhinweisen).

Während der beiden Weltkriege kam das Vereinsleben zeitweise zum Erliegen.

1938 erfolgte bei der Übernahme der Chorleitung durch Helmuth Thierfelder ein Zusammenschluss mit dem “Hannoverschen Lehrer-Gesang-Verein”. Der Frauenchor “Singakademie Hannover” war mit dem HMGV eng verbunden, so dass gemischtstimmige Werke wie 1939 Beethovens “Missa Solemnis” sowie 1940 Bachs “Weihnachtsoratorium” aufgeführt werden konnten.

1946 erhielt der HMGV von der britischen Militärregierung die Genehmigung für Chorproben und begann mit wenigen Sängern. Der erste öffentliche Auftritt nach dem 2. Weltkrieg fand am 15.9.1946 unter der Leitung von Erich Wiese in Bad Pyrmont statt. Zur 100-Jahr-Feier des Vereins 1951 wurde im Opernhaus ein Festkonzert mit der Uraufführung von Alfred Koerppens “Turmbau zu Babel” unter der Leitung von Fritz von Bloh veranstaltet. Für jüngere Sänger wurde in demselben Jahr ein Nachwuchschor gegründet.

Ab 1.7.1951 firmierte der HMGV als “eingetragener Verein”, 1960 erfolgte aber eine Löschung im Vereinsregister, da die parallel geführte Bezeichnung “Rechtsfähiger Verein kraft Verleihung” beibehalten werden sollte und nur eine der beiden Organisationsformen möglich war.

Unter Heinz Hennigs Leitung (ab 1955) lag weiterhin ein Schwerpunkt auf Kompositionen zeitgenössischer Komponisten (Alfred Koerppen, Bohuslav Martinu, Siegfried Strohbach, Fritz von Bloh). Ein Höhepunkt war 1958 die Aufführung der Kantate “Till Ulenspiegel” von Willy Burkhard, die 1960 unter Siegfried Strohbach für den NDR eingespielt wurde.

1966 erfolgten ein Zusammenschluss mit dem “Silcherbund” und ab 1968 gemeinsame Konzerte mit dem “MGV Limmer”.

1968 gründete Günter Binge als neuer Chorleiter einen Gemischten “Jungen Chor”, der sich allerdings mit seinem Ausscheiden 1971 wieder auflöste.

Unter Eberhard Schmidt als neuem Chorleiter begann 1971 eine enge Zusammenarbeit mit dem ebenfalls von ihm geleiteten gemischten Augustus-Chor mit gemeinsamen Proben und Konzerten. Der HMGV trat daher nicht mehr als reiner Männerchor auf, so dass mit Wirkung vom 24.5.1973 die Vorstände beider Chöre beschlossen, unter Bewahrung der Eigenständigkeit in Zukunft unter dem Namen “Hannover-Chor” aufzutreten, was bei der Aufführung von Orffs “Carmina Burana” am 7.10.1973 im NDR-Sendesaal zum ersten Mal praktiziert wurde. Der erhoffte Beitritt weiterer Chöre zu diesem Chorverbund blieb allerdings aus.

Die Aufführung des “Elias” von Mendelssohn-Bartholdy in der Stadthalle zusammen mit dem hannoverschen “Knabenchor” und dem “Rundfunkorchester des NDR” 1975 markierte den Höhepunkt der Konzerte in dieser Zeit. Die Einstudierung des “Deutschen Requiems” von Brahms brachte den Chor wegen sinkender Sängerzahlen an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, so dass in der Folge auf die Aufführung abendfüllender oratorischer Werke verzichtet wurde. 1981 erfolgt die Unterteilung in zwei Chorgruppen, den “Kleine Chor” mit höheren Anforderungen und den Gesamtchor mit leichterer Chorliteratur. Bei Konzerten unterstützte der kleine Chor den Gesamtchor.

1988 wurde auf der Jahreshauptversammlung des HGMV die Namensänderung in “Hannover-Chor ehem. HGMV von 1851” und eine neue Satzung beschlossen. Die Mitglieder des Augustus-Chors lehnten mehrheitlich die Auflösung ihres Chores und den geschlossenen Beitritt zum Hannover-Chor ab und verließen den Chorverbund. Der “Kleine Chor” löste sich auf. Der Hannover Chor wurde durch die Aufnahme weiblicher Mitglieder zu einem gemischten Chor.

1992 übernahm Andreas Adolf die Chorleitung und es gelang, den Chor zu vergrößern und zu verjüngen, so dass wieder größere geistliche Werke, z.B. Vivaldis Magnificat 1996 und Mozarts Krönungsmesse 1997 aufgeführt werden konnten.

Unter der Leitung von Petr Chrastina, der ab 1999 den Chor leitete, wurde 2000 das “Dettinger Te Deum” von Händel in der Markuskirche aufgeführt.

Nach der Rückkehr von Andreas Adolf 2001 wurde die Aufführung oratorischer Werke fortgesetzt mit Mozarts Requiem, Bachs Weihnachtsoratorium, Beethovens Messe in C-Dur und der Misa Criolla von A. Ramirez.

Im Jahr 2010 übernahm Gisela Riedl die Leitung des Chores, dessen Mitgliederzahl nach dem Weggang von A. Adolf stark zurückgegangen war, so dass ein Neuanfang erforderlich war. Der Chor, der seit 1974 im Musikraum der Tellkampfschule probt, widmet sich der Chorliteratur aller Zeitepochen und konzertiert einmal im Jahr, neben einigen ehrenamtlichen Auftritten mit einem „Themenprogramm“ mit weltlicher und geistlicher Chormusik.

 

Literaturhinweise

 

Chorleitung

1851 E. Weber
1852 Heinrich Molck
1853-1854 G.L. Schwemmler
1854-1897 Wilhelm Bünte
1897-1899 Bruno Hilpert
1899-1905 Johann Zerlett
1905-1922 Josef Frischen
1922-1938 Hans Stieber
1938-1941 Helmuth Thierfelder
1946-1949 Erich Wiese
1950-1954 Fritz von Bloh
1955-1967 Heinz Hennig
1968-1971 Günter Binge
1971-1992 Eberhard Schmidt
1992-1999 Andreas Adolf
1999-2001 Petr Chrastina
2001-2010 Andreas Adolf
seit 2010 Gisela Riedl

 
 
Mitgliederentwicklung (aktive/passive Mitglieder)

1856 60
1876 120/374
1891 226/483
1900 244/400
1926 358/654
1946 8/4
1951 160/110
1974 52 zuzügl. Augustuschor mit 52 weibl. und 38 männl. Sängern
1999 69/42
2010 23/9
2018 54/5

 
 
Literaturhinweise